Wolfgang Ganters Arbeit „Tiny-Supernova“ (links) ist eine Arbeit auf Holz und derzeit im Kunsthaus zu sehen. Foto: Andreas Klaer
© Andreas Klaer

Ausstellung im Kunstverein Kunsthaus Kristallwelten und Hasenohren

Richard Rabensaat

Was Ästhetik kann, untersucht eine Ausstellung im Kunstverein Kunsthaus Hier korrespondieren Fotografie und Skulptur und laden zum Sinnieren ein.

Potsdam - Wie das kalte Feuer eines Bergkristalls strahlt Wolfgang Ganters Arbeit „Tiny-Supernova“ dem Besucher im Kunstverein Kunsthaus beim Betreten des weißen Raumes entgegen. Die große bläuliche und massiv wirkende Scheibe scheint einige Zentimeter vor der Wand zu schweben. „Echtpigment auf Holz unter gegossenem Kunststoff“ gibt der Künstler in der Beschreibung als Werkstoff an. „So schwer wie sie dort an der Wand wirkt, ist die Arbeit gar nicht“, erklärt Annette Jahnhorst vom Kunstverein. Es ist die Fotografie, angebracht auf einer dünnen Holzplatte, die den Eindruck von Massivität vermittelt.

Das besagte Wandelement in den aktuellen Schau „Prima Materia“ funkelt und leuchtet dennoch so sehr, dass der Betrachter sich unmittelbar in Alberichs Nibelungenhöhle oder in die Halle des Bergkönigs aus Peer Gynt versetzt wähnt. Auch die anderen Arbeiten hier wirken kostbar: die Fotografie einer Halbmondsichel, wie aus Metall geformt, ein weißer Kreis, dessen blauer Mittelpunkt zu den Rändern hin in einem Milchstraßenweiß zerfließt. Oder auch eine kleine, viereckige Platte, betitelt mit „Shephered's Crook Nebula“. Während der Titel Astralnebel und Hirtenstäbe ins Spiel bringt, erinnert das Bild doch an einen im kostbaren schwarzen Granit eingeschlossenen Wurm.

Foto: Andreas Klaer Vergrößern
© Andreas Klaer

Mit den Arbeiten von Ganter korrespondieren die Glasobjekte von Julius Weiland aufs Schönste. Auch sie: meist undefinierbar in der Form, glatt poliert und in ihrer durchscheinenden Materialität ebenso berückend wie die Arbeiten von Ganter. Der „Black Fungus/Schwarzer Pilz“, wuchert in amorphen Formen aus verschiedenartigem, geblasenem und verschmolzenem Glas in den Raum. Der Zweiklang aus einerseits mit naturwissenschaftlicher Präzision ausgeführter Objektgestaltung und andererseits der Eröffnung eines gewissen Imaginationshorizonts, kennzeichnet die Werke beider Künstler. Mit der Skulptur „Down the Rabbit Hole“ gleitet Julius Weiland wie Alice in der hintergründigen Erzählung von Lewis Carroll ins Innere der Erde und findet dort anscheinend hasenohrige, leicht phallisch anmutende Formen. Die wiederum aus geblasenem und verschmolzenem Glas gefertigt sind.

„Bacteria Art“ hat der 1978 in Stuttgart geborene Wolfgang Ganter seine Website betitelt. Auf der findet sich ein Überblick über sein Schaffen. Die Werke im Kunstverein zeigen nur einen schmalen Ausschnitt der vielfältigen Experimente des Künstlers mit Bakterien. Von denen lässt Ganter in recht komplizierten Prozessen die Oberflächen von Fotos, Dias und anderen Bildwerken zersetzen.

Foto: Andreas Klaer Vergrößern
© Andreas Klaer

„Es war eher ein Zufall, der mich dazu gebracht hat“, schildert Ganter, der in Karlsruhe Kunst studiert hat, in einem Video den Entstehungsprozess seines künstlerischen Ansatzes. Häufig waren ihm gerahmte Diapositive aufgefallen, die achtlos in den Müll gewandert waren. „Das waren kostbare Momente aus dem Leben von Menschen. Die sollten nicht weggeschmissen werden“, sagt Ganter. Also fing er in seinem Berliner Studio an zu experimentieren, infizierte die Positive mit verschiedenen Bakterien und chemischen Stoffen und vergrößerte die so verfremdeten Bilder teilweise ins Monumentale. Die zufällig entstandenen Strukturen verleihen den ohnehin häufig altertümlichen Fotografien eine rätsel- bis zauberhafte Atmosphäre. Unfälle lassen sich dabei gelegentlich nicht vermeiden: So infizierte Ganter sich und war glücklich, als die Verfärbung seines Auges dann doch schnell wieder abheilte.

Der 1971 in Lübeck geborene Julius Weiland studierte an der Kunsthochschule Hamburg. Zwar findet sich auf seiner Website auch Malerei, sein Schwerpunkt allerdings liegt bei Objekten aus geblasenem Glas. Rundliche Formen aus meist glänzendem Glas, manchmal aber auch raue Oberflächen laden den Betrachter ein, nicht zuletzt über die Zweckfreiheit der Kunst zu sinnieren. Weiland untersucht nichts und will keine Botschaft übermitteln. Die Narrative seiner mit „Erosion“, „Vanitas“ oder „Blue Cluster“ betitelten Werke wirken stimmig, aber doch eher zufällig zum Objekt hinzu gesellt. Die Skulpturen klingen aus sich heraus. Sie korrespondieren aus der Ferne mit der Glaskunst von Jehoshua Rozenmann. Diese war bereits im Kunsthaus zu sehen, wirkte stellenweise ein wenig dystopisch, war aber genauso faszinierend wie die von Weiland. So weitet der Kunstverein Kunsthaus den Blick für die vielfältigen Wege der Kunst in Glas und Fotografie. 

>>Ausstellung bis 28. Juli, Künstlergespräch zu Finissage um 16 Uhr

Zur Startseite