Der Animationsfilm der Filmuni Babelsberg von Gregor Dashuber "Never drive a car when you are dead" stammt von 2009. Foto: Filmuni Babelsberg
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Animationsfilme der Filmuni Babelsberg Mythos und Realität

Andrea Lütkewitz

Skurriles, Unheimliches, Surreales: Der Studiengang Animationsfilm der Filmuni Babelsberg schafft fremde und befremdliche Welten. Mithilfe des Kunsthaus Sans Titre kann man diese jetzt kennenlernen.

Potsdam - „Gack, Gack“ von Olaf Encke beginnt wie ein Zeichentrickfilm aus den 1950er Jahren: Dutzende Hühner tippen in einem Großraumbüro synchron auf Schreibmaschinen. Dann rückt eine Tür in den Fokus. Gleich kommt Donald Duck um die Ecke, könnte man meinen. Doch was jetzt passiert, hat herzlich wenig mit der lustigen Ente zu tun. Hinter der Tür sitzt der Chef: ein Nilpferd, das bei der Arbeitskontrolle einen Schreibfehler entdeckt und kurz darauf das „schuldige“ Huhn auffrisst. 

Im Verlauf des knapp sechsminütigen Films von wird es noch heftiger, da wird dann auch mal ein Gehirn bei lebendigem Leibe herausgerissen. Hier geht es um Unterdrückung in der Arbeitswelt, und Unbehagen stellt sich ein, weil das Bunte mit dem Grausamen so gar nicht zusammenpassen will.

Wie das Kunsthaus sans titre Corona trotzt

Der Film „Gack, Gack“ macht den Auftakt von fünf Animationen, die aktuell auf dem YouTube-Kanal des Kunsthauses Sans Titre zu sehen sind. Und stellt schnell klar: Für Kinder ist das nichts. „Zwischen Mythos und Realität“ lautet der übergeordnete Titel der Reihe. Die Auswahl getroffen hat Frank Geßner, der seit 2001 als Professor an der Filmuniversität Babelsberg „Theorie und Praxis der Bildkunst“ lehrt. Hier sind die Filme in der Zeit von 2002 bis 2016 im Studiengang Animation entstanden.  

Galerist Werner Ruhne ist Vorsitzender des sans titre e.V., der das gleichnamige Kunsthaus in der Innenstadt betreibt. Foto: privat Vergrößern
Galerist Werner Ruhne ist Vorsitzender des sans titre e.V., der das gleichnamige Kunsthaus in der Innenstadt betreibt. © privat

Dass die Filme nun gezeigt werden, geht auf eine Premiere zurück: eine Kooperation zwischen der Filmuni und dem Kunsthaus Sans Titre. Eigentlich war im Herbst eine Veranstaltung geplant, die pandemiebedingt nicht zustande kam. Darum sind die Videos jetzt innerhalb der digitalen Angebote von „Kunsthaus trotz(t) Corona“ abrufbar. Insgesamt werden bis zum 10. März 15 Animationen zu sehen sein. Teil eins ist schon da, Teil zwei ab 14. Januar. Teil drei folgt ab 10. Februar.

Die Zusammenarbeit von Kunsthaus und Filmuni: ein Novum

Das gemeinsame Projekt ist für Filmuni und Kunsthaus ein Novum und geht auf Werner Ruhnke zurück, der das Sans Titre leitet. „Ich bin selbst an Animationen interessiert und sehe Schnittstellen zur bildenden Kunst“, sagt er. Das liegt nahe, denn obwohl der Studiengang Animation auf digitaler Technik basiert, gehört zur Ausbildung auch analoges Arbeiten. 

So lernen die Studierenden unter anderem, Filmfiguren zu entwickeln und herzustellen. Das kann mittels Malerei, Fotografie oder Modellieren verschiedener Materialien geschehen. Dozent Geßner hält das für essentiell. „Das ist ähnlich wie Schreiben mit der Hand lernen“, sagt er, denn Körperlichkeit und Materialität ließen sich nicht über eine Computertastatur erfahren.

Animationsfilm der Filmuni Babelsberg von Maria Steinmetz: "Das Wechselbalg" aus dem Jahr 2011. Foto: Filmuni Babelsberg Vergrößern
Animationsfilm der Filmuni Babelsberg von Maria Steinmetz: "Das Wechselbalg" aus dem Jahr 2011. © Filmuni Babelsberg

Puppentrickfilm oder digitaler Film? Autorenfilm

Was die Studierenden nun also analog kreieren, dient als Vorlage und wird am Computer virtualisiert. Das Besondere ist außerdem, dass dabei sogenannte Autorenfilme entstehen. Das heißt, einer entwickelt alles: Storyboard, Charaktere, die künstlerisch-technische Umsetzung und die Vertonung des Films. Sehr speziell sei das, sagt Geßner, seien doch an Animationen, die im Kino zu sehen sind, oft Hunderte Menschen beteiligt.

Faszinierend ist es, wenn dann im Ergebnis nicht klar ist, ob es sich nun zum Beispiel um einen klassischen Puppentrickfilm handelt oder einen digitalen Film. In „Fish Soup“ von Alexej Tchernyi und Ulu Braun etwa mischt sich Realfilm mit Animation. Collagenhaft sind die Bilder, ein wilder Mix aus Zeichnungen und Fotos, mal drei-, mal zweidimensional, was gut zur surrealen Geschichte passt: Das Mittelmeer wird zur Fischsuppe, indem ein Öltanker Brühe hineinkippt, Flugzeuge Gemüse abwerfen und eine ältere Frau Kräuter hinzugibt.

Adorno, ein Animationsfilmstar und Oscarnominierungen für die Filmuni

Oder der Film „93 Nacktschnecken auf dem Grabstein des T.W. Adorno“ von Benjamin Dickmann: Hier kommt die Frage auf, womit eigentlich gearbeitet wurde – sind es Zeichnungen oder Fotografien? Schatten und Licht wabern zu dramatischer Musik, es bilden sich seltsame Formen, und der Titel lässt erahnen: Hier kriechen offenbar Schnecken im Zeitraffer auf einem Grabstein herum, und vielleicht ist es Adorno, der von unten zuschaut. Mimesis und Ratio lassen grüßen, im Vorteil ist, wer weiß, wofür die Schnecke bei dem Philosophen einst stand. Adorno hat gesagt: „Das Wahrzeichen der Intelligenz ist das Fühlhorn der Schnecke.“

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Ulu Braun, der neben „Fish Soup“ mit noch einem weiteren Video vertreten ist, ist im Übrigen einer der ganz wenigen Stars im Bereich der Autorenfilme. Diverse Preise wurden ihm verliehen, darunter der Deutsche Kurzfilmpreis. Ausgewählt hat Geßner die Filme aber nicht deshalb, wie er sagt. In der Auswahl seien vielmehr „künstlerisch bedeutsame Filme, die Aufmerksamkeit verdienen“, „jenseits von Oscar-Nominierungen“. Die gab es in den letzten Jahren mehrfach für Animationen aus Babelsberg, zuletzt 2019 mit „Love me, fear me“ von Veronica Solomon.

Wer offen ist Filme jenseits von Popcorn-Kino, der wird seine Freude an „Mythos und Realität“ haben. Skurriles, Unheimliches und Surreales wird ihm begegnen und ihn in fremde und befremdliche Welten hineinziehen. Mit Blick auf die Coronakrise kann das sogar tröstlich sein, denn: Es geht offenbar noch verrückter.  

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