Judith, gespielt von Franziska Petri hadert mit sich und ihrer Mutterrolle. Foto: Sabine Panossian
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Absolvent der Potsdamer Filmuni auf der Berlinale Das distanzierte Brodeln

Henning Beckhoff, Absolvent der Filmuniversität Potsdam, feierte mit „Off Season“ auf der Berlinale Premiere. Sein Film besticht durch eindringliche Bilder.

Potsdam - Gregor nimmt Bilder mit der Handykamera auf. Urlaubserinnerungen von seiner Freundin Judith am sizilianischen Strand. Oder zumindest ihren Bauch, in dem das noch ungeborene gemeinsame Kind heranwächst und den Gregor mit Inbrunst filmt. Woraufhin Judith ihn mit einem Satz anfährt, den wahrscheinlich schon viele Schwangere auf den Lippen hatten: „Kannst du mal aufhören. Ich habe ja schließlich auch noch ein Gesicht, oder nicht?“

Regisseur Henning Beckhoff inszeniert diese Szene in seinem Film „Off Season“, der am gestrigen Donnerstag Weltpremiere auf der Berlinale hatte, sehr ruhig. Fast distanziert wirken seine beiden Figuren – ohne dabei den Emotionen, die sie vermitteln, ihre Wucht zu nehmen. Die brodeln nämlich in Beckhoffs Abschlussfilm – er beendete sein Masterstudium an der Potsdamer Filmuniversität Ende 2018 – ganz gewaltig.

Judith (Franziska Petri) und Gregor (Godehard Giese) auf Sizilien.  Foto: Sabine Panossian Vergrößern
Judith (Franziska Petri) und Gregor (Godehard Giese) auf Sizilien.  © Sabine Panossian

Die Lust, Geschichten durch Bilder zu vermitteln

„Off Season“, erzählt in guten 40 Minuten von Judith und Gregor (grandios gespielt von Franziska Petri und Godehard Giese), die gemeinsam in Palermo Urlaub machen. Noch einmal zu zweit entspannen, bevor das Kind da ist. Doch während Gregor sich schon ganz als Familie fühlt, hadert Judith noch sehr mit ihrer Mutterrolle – und erkundet irgendwann allein die Insel.

Die Lust, Geschichten durch Bilder zu vermitteln, treibe ihn an Filme zu machen, erzählt der 27-jährige Wahlberliner. „Ich mag es, dabei aus der Distanz, aus dem Nüchternen zu erzählen.“ „Off Season“ ist das anzumerken. Hier sagen stille Bilder mehr als laute Streitgespräche es je könnten, die Körperhaltung der Protagonisten transportiert mehr als jeder leidenschaftliche Monolog. Besonders deutlich wird das in der Figur von Judith. „Sie trägt ihren Schutzwall vor sich her wie einen Stein“, sagt Beckhoff, der in Ennepetal in Nordrhein-Westfalen geboren und aufgewachsen ist.

Produzentin Valeria Venturelli und Regisseur Henig Beckhoff von der Filmuniversität Babelsberg. Foto: Manfred Thomas Vergrößern
Produzentin Valeria Venturelli und Regisseur Henig Beckhoff von der Filmuniversität Babelsberg. © Manfred Thomas

Abgrenzung als Schutzwall

Dieses Phänomen beschreibt der Regisseur als sehr aktuell. „Viele Menschen verstecken sich hinter einer distanzierten Maske, investieren mehr in ihre Karrieren als in ihre Beziehungen“, sagt er. Meistens zum eigenen Schutz. Um sich nicht verletzbar zu machen. „Off Season“ zeigt das sehr deutlich. Wie Judith sich langsam von dieser selbst gewählten Bürde befreit, vorsichtigen Kontakt zu anderen Frauen auf Palermo herstellt und versucht, sich selbst zu finden, ist berührend.

Neben den beiden bekannteren Hauptdarstellern hat Beckhoff für „Off Season“ auch mit Laiendarstellern zusammengearbeitet. Patrizia D’Antona etwa, die im Film Ginestra, eine etwas ältere selbstbewusste italienische Dame spielt. „Sie hat im Prinzip sich selbst verkörpert“, sagt Beckhoff, der ganz bewusst „das echte Leben“ in seinen Film mit einbringen wollte. Auch um zu sehen, wie die anderen Darsteller damit umgehen. „Wie sich alle gegenseitig bedingen, das hat mich gereizt“, erzählt er.

Inspiration durch eine Heilige

Vier Wochen hat er mit seiner Crew an Originalschausplätzen in Palermo gedreht, bereits im Vorfeld hat er die Stadt mit der Produzentin Valeria Venturelli sowie der Kamerafrau Sabine Panossian innerhalb eines Jahres immer wieder besucht. Die so gewonnene Ortskenntnis spiegelt sich im Film wider: „Off Season“ zeigt Palermo jenseits der Touristenorte und lässt dabei auch die ganz ungemütlichen Ecken nicht aus. Der insgesamt sehr cleane, auf Hochglanz polierte Look des Films setzt einen interessanten Kontrast dazu. Vor allem dann, wenn er religiöse Symbole aufgreift: „La Santuzza“, die heilige Rosalia, Schutzpatronin von Palermo, spielt eine große Rolle in „Off Season“. „Sie stand als Figur für unseren Film schon früh fest“, erzählt Beckhoff. Schließlich sei sie es, die Judith aus der Reserve lockt. Weil sie fasziniert ist von dieser Heiligen, die angeblich einsam bis zum Tod in einer Höhle am Monte Pellegrino gelebt hat.

Genau in diese Höhle zieht sich auch Judith für einen stillen kurzen Moment zurück. Eine friedliche Szene, in der sie den Stein ihres Schutzwalls scheinbar abgelegt hat. Eine ganz eigene Urlaubserinnerung, die keine Dokumentation mit der Kamera benötigt. 

>>„Off Season“ läuft heute um 13 Uhr und 20 Uhr im CinemaxX in Berlin und am 21. Februar im Filmmuseum Potsdam

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