Als Barockoper ohne aufwendige Kulissen wurde „Die Insel der Amazonen“ im Schlosstheater des Neuen Palais auf die Bühne gebracht. Foto: Stefan Gloede
© Stefan Gloede

Abschluss der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci Amazonen im Schlosstheater

Babette Kaiserkern

Die Musikfestspiele boten in diesem Jahr wieder das volle Programm im altbewährten Stil. Eine Barockoper mit formidabler Sängerriege setzte einen der Schlusspunkte.

Potsdam - Was König Friedrich II. davon gehalten hätte, wenn eine Riege kampflustiger Amazonen sein Schlosstheater im Neuen Palais eingenommen hätte, wissen wir nicht. Mit der Aufführung der Oper „Die Insel der Amazonen“ ermöglichten die Musikfestspiele am Samstag- und Sonntagabend eine überwiegend friedliche Besetzung der Bühne. Das Opus von Carlo Pallavicino nach einem Libretto von Francesco Maria Piccioli folgt einem verbreiteten Trend der Barockepoche, als Dutzende von Amazonenopern entstanden. Pallavicino schrieb seine Version, eine von dreien zu diesem Sujet, auf Bestellung eines vermögenden venezianischen Patriziers, der sie als gigantisches Freiluftspektakel mit 100 Amazonen, 100 „Mohren“, wie es damals genannt wurde, und 50 weiteren Amazonen hoch zu Ross 1679 aufführen ließ.

Im friderizianischen Rokokotheater in Potsdam tummelten sich nun die Amazonenkönigin Pulcheria und ihr weiblicher Hofstaat, entspannt und so gelangweilt, dass die Füße beim Gesang auf dem Tisch liegen. Doch schon bald kommt heller Aufruhr in die Gesellschaft in Gestalt des Schiffbrüchigen Numidio. Der Jüngling wird angehimmelt und himmelt selber an, bleibt aber seinem Herrn, dem Sultan von Äthiopien treu, und versucht auf seine Art, die Amazonen zu unterwerfen.

Ein Verwirrspiel in tradierten Rollen

Als der Verrat herauskommt, sind diese nicht zimperlich, sie fesseln ihn und wollen ihn töten, doch er entkommt der Gefahr. Mit List und Tücke will nun die Königin höchstselbst den Feind besiegen. Als dies nicht klappt, wollen sich alle Damen das Leben nehmen. Da erscheint der Sultan zur Rettung. Gemäß dem Paradigma der Barockoper ist er ein gütiger Herrscher: Er befreit die gefangenen Amazonen, verzeiht ihnen und möchte Königin Pulcheria ehelichen, was diese glücklich annimmt. So bleibt bei diesem Verwirrspiel alles in den tradierten Rollen.

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Natürlich bieten Zwietracht, Eifersucht, Klage und Traurigkeit, Wut und Liebe vielerlei Anlass für affektreiche Arien, in denen eben diese Gefühle beschworen werden. Regisseurin Nicola Raab inszenierte das Geschehen minimalistisch am Text entlang, wobei ohne die Zusammenfassung des Plots im Programmheft manches im Dunkel bliebe. Auf einen durchsichtigen Vorhang werden passende Videos projiziert wie aufblühende Rosen, Meeresschaum und Flammen (Marc de Pierrefeu).

Französischer Barockspezialist hat das Stück aufgepeppt

Das größte Verdienst gebührt Christophe Rousset, der das possierliche Stück gefunden und für die Musikfestspiele aufgepeppt hat. Der französische Barockspezialist setzte die Partitur mit viel Gespür für Klang und Ausdruck in klares Licht. Sein 1991 gegründetes Ensemble Les Talens Lyriques akzentuiert mit zwei Geigen und zwei Theorben – eine Lautenart – den Gesang delikat, sowie auf Cembalo, Orgel und Barockcello. Kurz treten auch zwei Naturtrompeten und eine Pauke mit passend martialischen Tönen auf.

Aus der formidablen Sängerriege ragt Axelle Fanyo als Pulcheria mit dramatisch-kraftvollem Sopran mit ausgedehnten Koloraturen hervor. Clara Guillon, Sopran, verleiht Auralba kämpferischen Stimmglanz. Ihre Geliebte Florinda, Sopran, steht dem nicht nach. Anara Khassenova singt Jocaste, die unglückliche Tochter der Königin, mit lyrischem Schmelz. Der schiffbrüchige Numidio (Marco Angiolini) erscheint als jugendlicher Heldentenor mit ehernem Timbre. Dem gottgleichen Herrscher und Versöhner verleiht Olivier Cesarini (Bariton) markante Präsenz. Ein Duett und ein Terzett bieten willkommene Abwechslung in der Kette der zahlreichen kurzen und wenig eingängigen Arien.

Musikfestspiele boten wieder das volle Programm

Ob Friedrich II. mit dieser Neuinszenierung zufrieden gewesen wäre, ist eine offene Frage. Sicher aber hätte es ihn mit Stolz erfüllt, dass in seinem Schlosstheater selbst nach 250 Jahren noch Opern erklingen. Die Musikfestspiele, die am Sonntagabend zu Ende gingen, boten nach zwei pandemiegetrübten Jahren wieder das volle Programm im altbewährten Stil mit zahlreichen musikalischen Rekonstruktionen.

Penibel, liebevoll und engagiert präsentierten Ensembles aus Europa bis nach Kuba die vielfältige Welt der Alten Musik, mal im kleinen Rahmen der historischen Räume oder als Freiluftkonzerte auf den Terrassen unterhalb des Orangerieschlosses. Mit dem Wassertaxi wurde die Sacrower Kirche als Spielort erschlossen, auf der Pfaueninsel gab es ein Spektakel für die ganze Familie, auf Fahrrädern und selbst bei einer Tour auf Paddelbooten konnte Musik genossen werden. Vermutlich waren dies – rein wettermäßig– die heißesten Festspiele jemals. An Originalität und Entdeckerfreude mangelt es den Machern der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci nicht, die damit die Tradition lebendig weiterführen.

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