Monika- oder Helga-Thema? Den Soundtrack zum Dreiteiler „Kudamm 63“ (unter anderem mit Claudia Michelsen, l.; in der ZDF Mediathek) gibt es auf auf Spotify/ iTunes. Foto: ZDF/Tobias Schult
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Interview mit Filmkomponist Karim Sebastian Elias „Ohne Neugier wäre ich längst tot“

Lena Schneider

Filmkomponist Karim Sebastian Elias über den Reiz der Unsichtbarkeit und seine Musik für „Ku’damm 63“. Ein Interview.

Herr Elias, Sie komponieren, sind Mitglied der Filmakademie – und seit 2017 moderieren Sie Masterclasses an der Filmuni Babelsberg. Wie kamen Sie auf die Idee?

Ich finde, dass wir wahnsinnig tolle Filmkunst in Deutschland haben. Durch meine Arbeit bei der Akademie habe ich gemerkt: Wir tendieren in Deutschland immer ein bisschen dazu, woanders hinzuschauen. Wie toll alle anderen alles machen. Meine Idee war daher die, unsere Filmkunst auf eine Bühne zu heben. Die Masterclass habe ich initiiert, weil mich die Kunst dahinter wahnsinnig interessiert hat. Den einen Teil, Musiktheorie, kann man ja ziemlich leicht vermitteln. Aber wie entsteht so eine Musik überhaupt? Dem kann man sich nur annähern. Dem bin ich tagtäglich auf der Spur.

Die Masterclasses, auf ZDFKultur zu sehen, sind von einer unglaublichen Neugier getragen, dabei sind Sie seit 20 Jahren im Geschäft. Wie erhält man sich die?
Wenn ich diese Neugier nicht hätte, wäre ich schon längst tot. Ich habe mich irgendwann entschieden, mich gnadenlos zu entwickeln. Mich interessieren auch die anderen Gewerke beim Film sehr. Ein Schauspieler wie Albrecht Schuch zum Beispiel.

Mit Schuch zweifacher Gewinner des Deutschen Filmpreises, für „Berlin Alexanderplatz“ und „Systemsprenger“.
Wenn er in der Masterclass über seine Arbeit spricht, denke ich oft: So empfinde ich das auch! Wenn er sagt, dass man sich als Künstler schützen muss, weil man in dem Moment, wenn man sich öffnet, so verletzbar ist. Deswegen sind der geschützte Raum und eine gute Kommunikation im Film so wichtig. Ob Schauspielerin oder Schauspieler, Komponistin oder Komponist: Ich glaube, am Ende kämpfen wir in der Kunst alle gegen ähnliche Widerstände. Indem wir miteinander sprechen und versuchen, das zu dechiffrieren, fühlt man sich nicht so einsam damit. Der künstlerische Prozess ist oft ein sehr einsamer. Die ersten drei Monate des Jahres hatte ich mein Studio fast gar nicht verlassen, für „Kudamm 63“ 150 Minuten Musik geschrieben.

Kein Film ohne Tonspur

Im Film geht es vor allem um Sichtbarkeit. Haben Sie als einer, der eine unsichtbare Kunst vertritt, da besonders zu kämpfen?
Ich mag diese gewisse Unsichtbarkeit. Wenn Sie an „Unce upon a time in the West“ denken, mit der Musik von Ennio Morricone: Dieser Film ohne Tonspur und Musik wäre nicht möglich. Steven Spielberg hat mal gesagt, für ihn wären Musik und Tonspur fünfzig Prozent eines Films. Sich in so eine große kreative Community einzufügen, hat auch etwas Großartiges. Wie die Berliner Philharmoniker.

Karim Sebastian Elias ist Filmkomponist („9 Tage wach“, „Dunkelstadt“, „Ku’damm 63“) und komponiert auch Konzert- und Bühnenmusik. Foto: Thilo Rückeis Vergrößern
Karim Sebastian Elias ist Filmkomponist („9 Tage wach“, „Dunkelstadt“, „Ku’damm 63“) und komponiert auch Konzert- und Bühnenmusik. © Thilo Rückeis

Ihr Kollege Bruno Coulais sagt: Beim Komponieren sind die Farben des Films das Wichtigste. Wie war das, als Sie die Musik für „Ku’damm 63“ geschrieben haben?
Ich versuche immer sehr intuitiv in mich reinzuhören, meinen Intellekt komplett abzuschalten. Die „Ku’damm“-Reihe war für mich ganz klar eine Serie, bei der es um Emanzipation von Frauen geht. Was ich versucht habe: Das Spannungsfeld, in dem die Frauen sich befinden, in Musik zu übersetzen. Einerseits ist so eine Emotion ständig unter einem Deckel, andererseits sind wir im Jahr 1963, die Dinge brechen langsam auf. Die Selbstbestimmung ist schon da, aber nicht immer an der Oberfläche. Das habe ich versucht zu erzählen, indem ich zum Beispiel viel mit bewegten Streichern gearbeitet habe: eine Emotion, unter der auch eine bestimmte Wut schlummert.

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„Ku’damm 63“ erzählt die Geschichten von vier Frauen. Geben Sie beim Komponieren jeder Figur ihr eigenes Thema oder wie gehen Sie vor?
Es sind einige Handlungsstränge in drei Folgen. Da habe ich nach Analogien und Gemeinsamkeiten gesucht, die ich in ähnlichen Themen variiert habe. Es gibt nicht „das Monika-Thema“ oder „das Helga-Thema“. Das kam uns nicht richtig vor in diesem Fall, weil wir eher Dinge zusammenfassen und ähnliche Entwicklungen auf verschiedenen Ebenen beschreiben wollten.

Sie sind unglaublich produktiv und vielseitig: Neben „Rhythm is it“ steht der Syrien-Film „Of Fathers and Sons“, oder jetzt ein TV-Mehrteiler.
Es ist oft so, dass die Projekte mich auswählen. Mir war es schon immer wichtig, nicht nur der Komponist für das Eine zu sein, nur Krimis oder nur Dokumentationen zum Beispiel. Das macht den Kopf frisch, von einem zum anderen zu wechseln. Genauso wie ich an „Ku’damm“ sehr schätze, dass es gute Unterhaltung für ein großes Publikum ist, mag ich auch kleinere Filme wie „Of Fathers and Sons“.

Um Streaming kommt man kaum herum

Was ist die Aufgabe von Filmmusik?
Filmmusik sollte immer mit dem Erzählrhythmus zusammenarbeiten. Musik ist immer Interpretation des Filmes, dessen muss man sich bewusst sein. Das kann den Zuschauer in eine Richtung lenken, die nicht gut ist. Eine schwierige Gemengelage. Die Frage ist: Will man mit Musik Emotionen unterstützen? Die Berliner Schule sagt: Musik ist manipulativ. Eine völlig legitime Sichtweise, finde ich. Aber es gibt Filme, wo die Musik eine sehr wichtige Rolle im Rhythmus spielt. Dabei kommt es auch auf das Umfeld an: Ist es ein Fernsehfilm, ein Kinofilm oder Streaming. Nutzen Sie Netflix?

Um Streaming kommt man kaum herum.
Eben. Und ich merke, der Musikeinsatz durch Streaming verändert sich auch nochmal stark. Man muss vorsichtig mit Pauschalisierungen sein. Aber mein grundsätzlicher Eindruck ist der, dass der Einsatz in den Streaming-Serien ein sehr starker ist.

Sie als Komponist von Filmmusik könnte das doch freuen.
Doch, schon. Ich schaue es mir aber erst einmal an. Ich versuche zunächst zu verstehen, was da gerade passiert. Es gibt ja immer Wellen, was den Einsatz von Filmmusik betrifft und wir sind gerade an einem Punkt, an dem sich einiges verändern wird. Die neue Entwicklung, die da entsteht, beeinflusst auch alles andere, auch Kino und lineares Fernsehen. Und Wahrheiten, die ich vor fünf Jahren als richtig empfunden habe, muss ich heute vielleicht überprüfen.

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