Erardo Cristoforo Rautenberg (10. März 1953 - 17. Juli 2018).   Foto: Thilo Rückeis
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Späte Ehre für Erardo Rautenberg Gedenkfeier für Brandenburgs ehemaligen Generalstaatsanwalt

Wenige Wochen vor der Landtagswahl sind die Rechtspopulisten in Brandenburg stark wie nie Was hätte wohl Erardo Rautenberg dazu gesagt? Kurz vor seinem ersten Todestag wurde seiner gedacht

Brandenburg an der Havel - Was hätte er wohl gesagt in diesen Tagen? Wie hätte er die Lage im Land beurteilt, wenige Wochen vor der Landtagswahl? Welchen Rat hätte er seinen Parteikollegen von der SPD gegeben, denen erstmals in Brandenburgs Geschichte die Abwahl droht, die sich aktuellen Umfragen zufolge ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit den Rechtspopulisten von der AfD liefern werden? Eines kann man wohl mit Gewissheit sagen: Erardo Cristoforo Rautenberg hätte sich eingemischt. Er hätte nicht einfach nur beobachtet, geschwiegen, geschehen lassen. Er hätte das Wort ergriffen, auch innerhalb der eigenen Partei unbequeme Wahrheiten ausgesprochen, die in Wahlkampfzeiten keiner gerne hören will. Als Jurist, Publizist, vielleicht auch als Bundestagsabgeordneter, der er werden wollte, hätte er seine Meinung gesagt.

Aber dazu kam es nicht. Brandenburgs langjähriger Generalstaatsanwalt, der bundesweit Bekanntheit erlangte als entschiedener Kämpfer gegen den Rechtsextremismus, ist tot. Am 17. Juli 2018 verstarb Erardo Cristoforo Rautenberg im Alter von 65 Jahren, den Kampf gegen den Krebs hat er nicht gewonnen. Ein Jahr nach seinem Tod wurde am Donnerstag an den herausragenden Juristen und Demokratiefreund erinnert.

„Glücksfall für die Brandenburger Justiz“

Nach Initiative der Staatsanwälte im Land, die im Vorjahr eine offizielle Trauerfeier vermissten, wurde im Paulikloster in Rautenbergs früherem Wohnort Brandenburg an der Havel bei einer Gedenkfeier das Engagement Rautenbergs gewürdigt. Zahlreiche Vertreter der Staatsanwaltschaften und Gerichte aus Brandenburg, aber auch anderer Bundesländer und Polens waren gekommen, insgesamt etwa 150 Gäste. Darunter Brandenburgs erster Justizminister nach der Wende, Hans Otto Bräutigam (parteilos), der den jungen Rautenberg 1996 zum Generalstaatsanwalt berief.

„Ein Glücksfall für die Brandenburger Justiz“, wie der Leitende Oberstaatsanwalt von der Generalstaatsanwaltschaft des Landes, Eugen Larres, bei seiner Begrüßung erklärte. Vier Jahre zuvor, im Altern von 39 Jahren, war der in Argentinien geborene Rautenberg vom Generalbundesanwalt in Karlsruhe nach Brandenburg gekommen. Er wurde Chef der Schwerpunktabteilung für DDR-Unrecht im Justizministerium, leitete ab 1993 die Staatsanwaltschaft Neuruppin, wo er, wie er es nannte einen „Flächenbrand fremdenfeindlicher Straftaten“ erlebte und wurde schließlich Brandenburgs Chefankläger – was er als dienstältester Generalstaatsanwalt Deutschlands bis zu seinem gesundheitlichen bedingten Rückzug im März 2018, wenige Monate vor Erreichen des eigentlichen Ruhestands, blieb.

Zwei Tage vor seinem Tod hatte ihm Bundespräsident Frank Walter Steinmeier, dessen früheren Wahlkreis in Brandenburg an der Havel das SPD-Mitglied Rautenberg bei der Bundestagswahl 2017 verteidigen wollte, mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet – für seine Verdienste um die Festigung der Demokratie und seinen Einsatz gegen Rechtsextremismus. Rautenberg konnte die Auszeichnung nicht mehr persönlich entgegennehmen.

Am Donnerstag übergab Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) das Bundesverdienstkreuz stellvertretend an Rautenbergs Witwe Katrin. Ein feiner Mensch sei Rautenberg gewesen, so Woidke. Ein Kämpfer der ganz besonderen Art. „Keiner, der seine Macht blindlings nutzte. Sondern jemand, der mit klarem Verstand und großem Herzen immer darauf bedacht war, weiteren Schaden zu verhindern und so zu agieren, dass Wunden auch wieder heilen können.“ So wie sein Vorbild Fritz Bauer für Westdeutschland sei Rautenberg zu einer Schlüsselfigur beim Aufbau der jungen Demokratie in Brandenburg nach der Wende geworden. „Der Kampf gegen den Nationalismus der Rechtsextremen war für ihn nicht weniger als seine patriotische Pflicht.“ Er habe auch die große Gefahr erkannt, die vom rechtsextremen Kampf um die Deutungshoheit über die gesellschaftliche Identität ausgegangen sei. „Eine Gefahr, der wir uns heute durch die Beihilfe der Rechtspopulisten mehr denn je ausgesetzt sehen“, warnte Woidke. Den Stolz aufs eigene Land habe Rautenberg, der für schnelle, konsequente Strafverfolgung stand, den Rechtsextremisten nicht überlassen wollen.

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