In Luckenwalde gibt es einen Erinnerungsgarten für die getöteten Kinder Elias und Mohamed. Karsten Niendorf pflegt ihn. Foto: M. Kaufmann
© M. Kaufmann

Prozess gegen Silvio S. in Potsdam „Wer hätte denn so etwas ahnen können?“

Zwei kleine Jungen, missbraucht, erdrosselt. Für die Morde an Elias und Mohamed bekam Silvio S. 2016 lebenslänglich. Soll er danach in Sicherungsverwahrung? Ein zweiter Prozess in Potsdam wird dies nun klären. Jene, die ihn kannten, beschäftigt bis heute eine ganz andere Frage. Eine Spurensuche.

Potsdam/Kaltenborn/Berlin - Den Spaten ließ er zunächst im Schuppen an seiner Laube stehen. Bis er auch das nicht mehr ertragen konnte. Er nahm das Gartengerät letztmalig zur Hand, zerlegte es in zwei Teile, packte es in sein Auto und fuhr damit zum Schrottplatz. Dort ließ er es entsorgen. Karsten Niendorf hätte es nicht über sich gebracht, den Spaten noch einmal zu benutzen, den er Silvio S. vor knapp vier Jahren geliehen hatte. Eine Gefälligkeit unter Gartennachbarn. „Ich dachte, er will damit Beete umgraben“, sagt er.

Aber Silvio S. hebt damit hinter einer Hecke ein Loch aus, wo früher ein Gartenteich war, 50 Zentimeter tief. Er legt einen Pappkarton in die Grube, darin die Leiche des sechsjährigen Elias. Er schaufelt Erde darüber, deckt das Grab mit Folie ab und gibt den Spaten an Karsten Niendorf zurück. Das geht dem 59-Jährigen seit dem 30. Oktober 2015 nicht mehr aus dem Kopf. Seit dem Tag, an dem die Leiche eines der beiden getöteten Jungen auf Parzelle 27 der Luckenwalder Kleingartenanlage „Eckbusch“ von Ermittlern entdeckt wird.

Warum habe ich ihm den Spaten gegeben?

Er habe nicht mehr ruhig schlafen können, erzählt Niendorf in seinem Gartenstuhl. Immer wieder die Frage: Warum, warum bloß, habe ich ihm den Spaten gegeben? Auch wenn er weiß, dass das nichts geändert hätte.

Als er dem jungen Mann das Gerät lieh, hatte Silvio S. nicht nur Elias sondern auch den vierjährigen Mohamed aus Berlin längst missbraucht und ermordet.

Silvio S. steht ab Freitag wieder vor Gericht in Potsdam

Ab kommenden Freitag steht der Doppelmörder, der 2015 den Grundschüler Elias von einem Spielplatz in Potsdam und den Flüchtlingsjungen Mohamed vor dem Berliner Lageso, dem Landesamt für Gesundheit und Soziales, entführte, erneut in Potsdam vor Gericht. Im Sommer 2016 wurde der ehemalige Wachschützer aus Kaltenborn im Landkreis Teltow-Fläming vom Landgericht Potsdam wegen Mordes und schweren sexuellen Kindesmissbrauchs zu lebenslanger Haft verurteilt.

Das Landgericht Potsdam verhängte im Sommer 2016 lebenslange Haft für Silvio S. Foto: Ralf Hirschberger/dpa Vergrößern
Das Landgericht Potsdam verhängte im Sommer 2016 lebenslange Haft für Silvio S. © Ralf Hirschberger/dpa

Nach einem erfolgreichen Revisionsantrag der Staatsanwaltschaft wird nun an voraussichtlich drei Prozesstagen an einer anderen Kammer darüber verhandelt, ob der heute 35-Jährige nach der Haft doch in Sicherungsverwahrung muss. Im ersten Prozess hatten die Richter dies abgelehnt, weil ein Gutachter in Silvio S. nicht den unheilbaren Triebtäter sah.

Gartennachbar: "Das würde der doch wieder machen"

Für immer wegsperren? Wenn es nach Karsten Niendorf ginge, dann wäre die Antwort auf diese Frage: Ja. „Der Junge war wirklich krank“, sagt er – jetzt, wo er weiß, was passiert ist. „Das würde der doch wieder machen.“ Aber gemerkt, dass da etwas nicht stimmt mit dem Pächter von der Parzelle 27, habe er nicht. Der sei eh kaum da gewesen. „Und man nimmt sich ja nicht ’ne Trittleiter und lunscht über die Hecke.“

Niendorf hat einen Weg gefunden, mit den Geschehnissen klarzukommen. Damit, was sich auf dem Nachbargrundstück zugetragen hat, mithilfe seines Spatens. Seit vier Jahren pflegt er ehrenamtlich den Erinnerungsgarten, den die Stadt auf der einst von Silvio S. gepachteten 350-Quadratmeter-Parzelle angelegt hat, schließlich hätte sich kein Nachnutzer für diesen Ort des Grauens gefunden. Niendorf gießt dort nun regelmäßig, mäht mit einem Rasenmäher, den ihm die Stadt zur Verfügung gestellt hat. Frischer Rasen wurde gesät, eine Bank aufgestellt und eine Tafel aus Plexiglas, auf der steht: „Erinnerungsgarten für Elias und Mohamed“. Davor zwei Porzellanengel und zwei Hibiskussträucher, die Niendorf frisch gepflanzt hat. Zu Ostern hat er bunte Eier in die Zweige der Apfelbäume der Gedenkstätte gehängt. „Für die Kinder.“ Er meint die toten und nicht diejenigen, die zum Garten gegenüber gehören, in dem zwei Schaukeln, eine Rutsche und ein Plastikspielhaus stehen.

Erinnerungsgarten für Elias und Mohamed

Nur selten besuche jemand den Erinnerungsort, die Angehörigen von Mohamed und Elias habe er noch nie gesehen, sagt Niendorf. Nur Silvios Mutter, die komme manchmal vorbei. Astrid S. arbeitet in der Nähe in einem Getränkehandel. „Eine freundliche Frau“, sagt der Niendorf. Zu Weihnachten habe sie ihm einen Beutel mit einem kleinen Präsent an den Gartenzaun gehängt.

Die Eltern des Mörders wohnen in Kaltenborn, 25 Kilometer von Luckenwalde entfernt. Sie leben noch immer in dem Haus, in dem ihr Sohn die obere Etage bewohnte. Dort hielt er Mohamed gefangen, ein Flüchtlingskind aus Bosnien-Herzegowina, das am 1. Oktober 2015 mit seiner Mutter und den beiden Geschwistern zum Lageso in der Moabiter Turmstraße gekommen war, um Geld abzuholen. Silvio S. nutzt das Chaos vor der Anlaufstelle aus, die in diesen Tagen Tausende Flüchtlinge betreut, lockt Mohamed mit einem Teddy weg, bringt das Kind in seinem Dacia nach Kaltenborn, vergeht sich mehrmals an dem Jungen und erdrosselt ihn mit einem Gürtel, als er schreit. Aus Angst, dass seine Mutter in der unteren Etage etwas mitbekommen könnte. Die Leiche deponiert er in einer gelben Plastikwanne und kippt Katzenstreu darüber.

Dorfbewohner möchten nicht mehr über Silvio S. sprechen

Kaltenborn ist ein schönes Dorf mit etwa 80 Einwohnern. Auf einer Alleestraße, vorbei an Windrädern, gelangt man in den Ort, der nur eine Straße hat, eine Kirche und zwei Dorfteiche. In der Straße hängen Kommunalwahlplakate von Grünen, Freien Wählern, AfD und dem brandenburgischen SPD-Generalsekretär Erik Stohn, der hier seinen Wahlkreis hat. „Suchen Sie etwas?“, fragt eine Rentnerin, als sie aus ihrer Haustür tritt. „Geht es um die Wahlen?“

Silvio S., der Mörder von Elias und Mohamed, steht in Potsdam wieder vor Gericht. In Kaltenborn lebte er. Foto: M. Kaufmann Vergrößern
Silvio S., der Mörder von Elias und Mohamed, steht in Potsdam wieder vor Gericht. In Kaltenborn lebte er. © M. Kaufmann

Eine Frage zu Silvio S. habe sie nicht erwartet, sagt die Frau, die anonym bleiben möchte. Denn eigentlich haben sie im Dorf beschlossen, nicht mehr über das Geschehene zu sprechen, auch untereinander werde das Thema vermieden. Dass der ehemalige Nachbar nun wieder vor Gericht steht, habe sie nicht gewusst.

„Wer hätte denn so etwas ahnen können?“

Plötzlich ist alles wieder da. Der Rentnerin schießen Tränen in die Augen. „Wer hätte denn so etwas ahnen können?“, fragt sie. Wie Karsten Niendorf stellt sie sich immer noch diese quälenden Fragen: Hätte sie etwas merken müssen? Hätte sie es verhindern können?

So wie Niendorf mit dem Jäten des Gartens einen Weg gefunden hat, das Erlebte zu verarbeiten, halten sich viele Kaltenborner an etwas Anderem fest: Sie pflegen die Gemeinschaft. „Die Familie von Silvio wird nicht ausgegrenzt“, betont die Frau mehrmals. Es habe Gerüchte gegeben, dass das anders sei. „Aber das stimmt nicht.“

Ein Typ, der übersehen wird

„Berti“ haben sie Silvio in Kaltenborn genannt. Weil er eine Ähnlichkeit habe mit der Figur Bert aus der Sesamstraße, der Kindersendung. Nachlässig gekleidet mit Kapuzenpulli und Hochwasserhose, Nickelbrille, schlecht geschnittene Haare. So saß er beim ersten Prozess vor Gericht. Ein Typ, der übersehen wird. Der nie eine Freundin hatte, nur einen engeren Freund. Einzelgänger, freundlich, kinderlieb, Muttersöhnchen, das sind die Beschreibungen der damaligen Zeugen vor Gericht.

„Die Mutter ist gerade bei ihm“, erzählt die Nachbarin. Sie besuche ihn regelmäßig in der JVA Brandenburg an der Havel. Die eigene Mutter hat ihn dorthin erst gebracht: Astrid S. war es, die ihren Sohn stoppte. Sie rief die Polizei an, als sie ihn auf einem Fahndungsfoto erkannte. Es zeigte ihn mit Mohamed an der Hand, zufällig aufgenommen durch die Videokamera einer Berliner Kneipe.

Landeskriminaldirektor: Silvio S. hätte wieder Kinder entführt

Ohne diese Aufnahme wäre der Kindermörder nicht so schnell gefasst worden, sagt Michael Scharf, der damalige Chefermittler der Brandenburger Polizei. „Irgendwann hätten wir ihn sicher erwischt“, sagt er. Nur: wie viele Opfer später? Silvio S. hätte wieder Kinder entführt – und irgendwann einen Fehler gemacht, ist der heutige Landeskriminaldirektor überzeugt. „Man muss davon ausgehen, dass er weitergemacht hätte“, sagt Scharf. Man hört durch das Telefon, dass er sich eine Zigarette anzündet und tief inhaliert. „Mich bewegt der Fall bis heute“, sagt er nach einer kurzen Pause. Besonders wenn Minderjährige vermisst werden, wie jetzt in Berlin die Schülerin Rebecca Reusch, sei alles wieder präsent.

Die erste Zeit nach Elias’ Verschwinden am 8. Juli 2015 sei zermürbend gewesen, sagt der ehemalige Leiter der Soko „Schlaatz“, benannt nach dem Potsdamer Stadtteil, in dem Elias lebte und von wo er verschwand. Es gab viele Hinweise, aber keine heiße Spur und ständig die Gedanken: Haben wir an alles gedacht? Haben wir etwas übersehen? „Viele Kollegen hat der Fall emotional sehr bewegt“, sagt Scharf, dann klickt sein Feuerzeug wieder. „Viele sind Eltern und Großeltern.“ Er selbst hat einen zehnjährigen Sohn, bald wird er elf.

Im Prozess schwieg Silvio S.

Elias wäre heute zehn, Mohamed acht Jahre alt. Die Kollegin, die damals die erste war in der Gartenparzelle, als die Leiche entdeckt wurde, sei „im besten Mutteralter“ gewesen, sagt Scharf. Dazu kam die Sichtung des Beweismaterials, das in der Wohnung in Kaltenborn gefunden wurde. Silvio S. hat den Missbrauch des kleinen Mohamed mit seinem Handy gefilmt. In der ersten Vernehmung gestand er, auch Elias getötet zu haben, sagte den Ermittlern, wo dessen Leiche liegt. Seither schweigt der Mann, im Prozess hat er sich nicht geäußert. Wie es ihm gelingen konnte, Elias von dem Spielplatz im Schlaatz, direkt vor dem Küchenfenster der Familie, wegzulocken, ist bis heute nicht klar.

Hier spielte der damals sechsjährige Elias. Dann kam Silvio S. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Hier spielte der damals sechsjährige Elias. Dann kam Silvio S. © Andreas Klaer

Auf jenem Spielplatz in der Potsdamer Neubausiedlung, der nur aus einem in den Rasen eingelassenen, von Holzpflöcken eingefassten Sandkasten und einem Holznashorn besteht, sitzen zwei junge Mütter mit ihren Kindern in der Frühlingssonne. Elias’ Mutter wohnte mit ihrem einzigen Kind und ihrem neuen Partner Parterre in einem der Plattenbauten. Gegen 17.30 Uhr an jenem 8. Juli vor vier Jahren, einem Mittwochnachmittag, verlässt der Erstklässler die Wohnung. Bis zum Abendbrot darf Elias raus auf den Hof, „Monster jagen“. Ein Phantasiespiel, das er sich ausgedacht hat. Immer wieder schaut die Mutter aus dem Fenster. Alles in Ordnung. Doch als sie eine Stunde später rausgeht, um ihr Kind zum Essen zu rufen, ist es weg. Spurlos verschwunden.

Tausende Helfer und Polizisten durchsuchten den Schlaatz

Eine beispiellose Suchaktion in Potsdam beginnt. Tausende freiwillige Helfer und Polizisten durchkämmen über Wochen immer wieder das Viertel. Die Polizei setzt Spürhunde und Helikopter ein. Die in der Nähe vorbeifließende Nuthe wird ausgebaggert, weil vermutet wird, dass der Junge in den Fluss gefallen sein könnte. Nichts.

Sie habe auch ein paar Mal mitgesucht, sagt eine der beiden Mütter auf dem Spielplatz. So oft es eben ging mit einem Baby. Elias’ Mutter kannte sie vom Sehen. Die ist weggezogen, öffentlich äußern möchte sie sich nicht, sagt ihre Bekannte Anja Berger, die damals die Facebook-Seite für die Elias-Suche betreute. „Für mich persönlich, nachdem ich nun auch Mutter bin, hoffe ich, dass Silvio S. in Sicherungsverwahrung kommt“, erklärt die Potsdamerin.

Die Mutter auf dem Spielplatz hofft das auch. Sie wisse natürlich, wo sie hier mit ihrem Kind spiele. Sie sei im Schlaatz aufgewachsen, habe früher selbst hier gebuddelt, erzählt die 28-Jährige, die ihren Namen nicht nennen will. „Passieren kann überall was“, meint sie und dass es ihr irgendwie falsch vorkäme, hier nun nicht mehr zu spielen. Während ihre vierjährige Tochter und deren Kindergartenfreund im Sandkasten Burgen bauen, wirkt der Ort zwischen den Plattenbauten nicht mehr ganz so trist. Im Sand liegt ein knallroter Eimer, ein lilafarbener Plastikrechen – eine Schippe in leuchtendem Türkis.

Zur Startseite