Der israelisch-arabische Psychologe Ahmad Mansour will die Jugendlichen auf Augenhöhe erreichen. Foto (Archiv): Maurizio Gambarini/dpa
© Foto (Archiv): Maurizio Gambarini/dpa

Update Pilot-Projekt mit Autor Ahmad Mansour Neues Projekt zur Islamismus-Prävention an Brandenburger Schulen

Eine neue Aktion in Brandenburg richtet sich an junge Flüchtlinge in Schulen: Sie sollen in emotionalen Diskussionen Denkanstöße bekommen, ihnen werden demokratische Werte vermittelt.

Potsdam/Cottbus - Der Ansatz wirkt gewagt: Ein 16-jähriger Flüchtling, Moslem, streng gläubig erzogen in einer patriarchalen Gesellschaft, soll im Stuhlkreis vor anderen eine andere Rolle einnehmen. Er muss jetzt reden, denken, fühlen, argumentieren wie ein Jude. Geht das? Und vor allem: Bringt das was? Ahmad Mansour ist überzeugt, dass es funktioniert und sicher nicht jeden, aber einige jugendliche Flüchtlinge bei ihren Problemen abholt, ihren Horizont erweitert und sie so zum Nachdenken bringt. Über die falschen Versprechen, die ihnen Islamisten machen und auch über die Regeln in ihrer neuen Heimat.

Der Islamismus-Experte will die Jugendlichen emotional packen

Emotional will Islamismus-Experte und Psychologe Mansour die Jugendlichen packen, sie zum Reden bringen, zur Diskussion über ihre bisherigen Einstellungen. Aus ähnlichen Projekten in Bayern weiß er: „Das dauert keine Minute, dann fangen viele an zu sprechen.“ Der Deutsch-Israeli Mansour, Sohn arabischer Eltern, Bestseller-Autor („Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen“) und derzeit immer wieder Gast in Talkshows, will in Brandenburg an sechs Schulen die emotionale Integration von Flüchtlingen stärken – und sie so resistent machen gegen Extremismus. „Reflect – Freiheit beginnt im Kopf“ heißt das Workshop-Projekt, das das Land Brandenburg mit 139 000 Euro in diesem Jahr fördert.

Auftakt ist im Oberstufenzentrum Cottbus, voraussichtlich im März soll es dort losgehen. Die weiteren Schulen sind noch nicht ausgewählt, es gibt aber bereits Interessenten. „Bislang haben wir häufig reagiert, nun können wir agieren“, sagte Schulleiter Michael Seifert bei der Vorstellung des Projekts am Freitag in Potsdam. Insgesamt 1530 Schüler hat das OSZ, davon sind 105 Flüchtlinge, die in Spezialklassen Deutsch lernen und auf eine Berufsausbildung vorbereitet werden.

Cottbus war immer wieder in die Schlagzeilen geraten

Einen Bedarf für so ein Projekt sieht der Schulleiter in jedem Fall. Gerade Cottbus war nach Auseinandersetzungen zwischen jungen Deutschen und Migranten immer wieder in die Schlagzeilen geraten. Die Stadt beschrieb in diesem Zusammenhang auch, wie schwierig es teilweise ist, an junge männliche Migranten heranzukommen. Es gebe immer wieder Konflikte im Klassenzimmer aufgrund unterschiedlicher religiöser und kultureller Prägung, sagte Michael Seifert. Etwa durch Rollenspiele wollen Mansour und sein Team diese Unterschiede sichtbar machen und Verständnis füreinander wecken. Die Teams bestehen jeweils aus vier Experten, Psychologen, Pädagogen, Sozialarbeiter, alle mit Migrationshintergrund. Ausdrücklich auch Frauen, die von einigen männlichen Jugendlichen nicht akzeptiert werden, wie auch Schulleiter Michael Seifert zu berichten weiß. 

Mansour ist sich bewusst, dass er nicht jeden erreichen wird. Dass es Jugendliche gibt, die vielleicht schon abgedriftet sind in die Radikalität oder auch solche, die die patriarchalischen Strukturen verinnerlicht haben und offen sagen: „Ich finde es gut, wenn mein Vater mich schlägt.“ Aber Mansour sagt: „Es ist ein Kampf um jeden Einzelnen.“

In den Workshops soll es unter anderem um Feindbilder gehen

Um Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, den Umgang mit Sexualität, den Unterschied zwischen Glaube und Ideologie, Opfer- und Feindbilder soll es in den Diskussionsworkshops gehen. Adressaten sind Jungen und Mädchen jeder Religionszugehörigkeit ab 15 Jahren. Vorher sei die Reflexionsfähigkeit noch nicht genügend ausgeprägt. Lehrer werden begleitend zu den Schülerworkshops fortgebildet, denn mit der Debatte in der Gruppe von Gleichaltrigen allein ist es nicht getan. Was etwa, wenn ein Schüler tatsächlich zu der Einsicht kommt, dass sein Vater ihm kein gutes Rollenvorbild ist. Wird er sich trauen, das zu Hause anzusprechen, wie kommt man an die Eltern ran? „Da ist ein ganzes Netzwerk gefragt. Die Schule, Lehrer, Sozialarbeiter, sind dann im Idealfall da, unterstützen die Schüler“, meint Schulleiter Seifert.

Seit der großen Zuwanderungswelle 2015 hätten viele Menschen in Brandenburg Schutz gesucht, erklärte Staatskanzleichef Martin Gorholt (SPD). In der Regel sei die Integration gelungen. „Es gibt aber auch einige wenige Menschen, die wir aufgrund anderer Vorstellungen von Religion, Werten oder Demokratie nicht erreicht haben“, räumte er ein. Zusätzliche Sprachbarrieren oder Ausgrenzungserfahrungen könnten der Nährboden für Radikalisierung sein. Dem solle mit dem vom „Bündnis für Brandenburg“ geförderten Projekt entgegengewirkt werden, sagte Gorholt.

„Integration ist die beste Prävention“, meint Islamismus-Experte Ahmad Mansour. Dabei gehe es nicht nur um Arbeit und Sprache, sondern vor allem darum, emotional anzukommen in einem anderen Land mit anderen kulturellen Regeln. 

Zur Startseite