Thomas Günther. Foto: Cornelius Gronewold
© Cornelius Gronewold

Nachruf Einer, der die Freiheit nachholte

Karl Grünberg

Thomas Günther saß im Stasiknast, war Gärtner in Sanssouci, Theaterassistent, Schriftsteller, Galerist. Bis er nicht mehr hinterherkam.

Er war 17, als sie ihn ins Gefängnis steckten. Ein schweres, staatsgefährdendes Verbrechen sollen er und seine Freunde begangen haben. Der Tatort: Schneeberg, eine kleine Stadt im Erzgebirge. Hier ist Thomas aufgewachsen, hier lebte er mit seiner Mutter, einer Biologielehrerin, hier ging er zur Schule. Sein Vater Egon Günther, ein in der DDR sehr bekannter Autor und Regisseur, hatte sich im Angesicht der alltäglichen Familienpflichten und der Kleinstadttristesse schnell in die Filmstadt Babelsberg davongemacht.

Das Vergehen: Brecht, Tucholsky gelesen, Beatles gehört

Das Vergehen von Thomas und seinen Freunden: Sie hatten Texte auf einem Literaturabend vorgelesen, Tucholsky, Kästner, Morgenstern, Brecht. Dazu hatten sie Musik gehört, die Beatles. Im Sommer 1969 war das. Die Jugendlichen hatten eine Literaturgruppe gegründet, diskutiert, gelesen und waren noch etwas weiter gegangen. Thomas hatte eine Resolution ausgearbeitet, in der er der Staatsführung vorschlug, wie sie ihre Jugend besser behandeln sollte. Ein bisschen mehr Freiheit und bessere Musik, das war die Forderung, die sie absandten.

Ein halbes Jahr später kam die Stasi. Früh um sieben, Thomas machte sich gerade für die Schule fertig, da betraten die Männer die Familienwohnung, klemmten ihn zwischen sich ein, verfrachteten ihn in ein Auto, brachten ihn zusammen mit den anderen nach Karl-Marx-Stadt.

Während seine Mitschüler das Abitur machten, zählte er die Tage im Gefängnis

Die ganze Packung, Wohnungsdurchsuchungen, Haftrichter, Gerichtsverhandlung, Urteil. Der Vater organisierte einen Anwalt und versuchte, seine Beziehungen spielen zu lassen. Dennoch, zwei Jahre und drei Monate sollte Thomas für seine Frechheit büßen. Während seine Mitschüler das Abitur machten, zählte er die Tage im Gefängnis. Was das in ihm ausgelöst hat, darüber redete er nie. In einigen seiner Gedichte kommen Details zur Sprache. Dass er selbst in seinen Träumen gefilmt und überwacht werden würde. Angst vor Stiefelschritten, die immer näherkommen. Schuldgefühle plagten ihn, weil er seine Mutter alleinlassen musste. Er war ja ihr Ein und Alles, fühlte sich für sie verantwortlich. Sie durfte nicht mehr als Lehrerin arbeiten.

Eine kleine Genugtuung gab es aber doch noch. 1990 wollte derselbe Haftrichter, der Thomas hatte einsperren lassen, ein Herr Wünsche, Justizminister von Sachsen werden. Thomas Günther schrieb Kommentare und Artikel dagegen, mit Erfolg. Wünsche wurde nicht Minister.

In alle Ecken der DDR getrampt

Als er aus dem Knast gekommen war, holte Thomas eine Runde Leben nach. Tanzen in der Künstlerscheune von Freunden, trampen in alle Ecken der DDR, Mädchen kennenlernen. Thomas hatte so eine offene Art mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, war klug, hatte eine große Schnauze, wenn es drauf ankam. Laut, leise, je nach Bedarf, konnte er seinen Charme spielen lassen. Und er schrieb, auch da musste er viel nachholen. Er hackte Gedichte und Geschichten in seine orange Erica-Reiseschreibmaschine. Harter Anschlag, als ob er sie bezwingen, sie bekämpfen wollte. Alle paar Jahre musste er sie reparieren lassen. Wenn sich ein paar Menschen in der Runde versammelten, stellte Thomas sich in die Mitte, holte seine Blätter heraus und las vor.

Doch Thomas wollte raus, wollte mehr, wie damals sein Vater. So ging er nach Berlin, machte tagsüber eine Gärtnerausbildung im Potsdamer Park Sanssouci und holte abends das Abitur nach.

Er wollte weg

Sein Vater half ihm, Thomas kam als Regieassistent ans Berliner Ensemble. Hier war sein Himmel. Er war dabei, wenn die große Literatur auf die Bühne kam, und wenn sie in der Theaterkantine die Welt verbesserten. Mit Katharina Thalbach und ihrem Mann Thomas Brasch verstand er sich gut. Als die aber in den Westen gingen, wollte auch er weg. Er stellte den Antrag auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR und wurde erst mal aus dem Berliner Ensemble entlassen.

In den Westen ließen sie ihn vorerst nicht, dann wollte er nicht mehr. Irgendwie hatte er doch noch seine Heimat gefunden. Erst als Gärtner, diesmal auf einem evangelischen Friedhof, direkt an der Greifswalder Straße. Seine Arbeitskollegen waren Leute wie er. Künstler und Musiker, Oppositionelle und Andersdenkende, Lebensgenießer und Punks.

Da war einer, der nur über Tauben schrieb. Ein anderer baute auf dem Friedhof seinen Hanf an. Sie alle brauchten einen Alibijob, und was passte da besser als ein Friedhof, auf dem niemand mehr beerdigt wurde, auf den sich kaum einer verirrte, weil hier nur Menschen lagen, deren Verwandte im Ausland lebten. Hier gärtnerten sie ein bisschen, genossen das Leben, nutzten die Freiheit und machten ansonsten ihre Kunst, wie sie ihnen beliebte.

Thomas schrieb und verlegte seine Bücher in handsignierten Kleinstauflagen, organisierte Ausstellungen zusammen mit einem Fotografen, zusammen mit einer Siebdruckerin. Text in Bild und Malerei. Die drei kannten sich schon aus ihrer Kindheit. Einmal läuft Thomas über eine leere Autobahn, Zeitungen fliegen durch die Luft, der Fotograf schießt einen ganzen Film leer. Einmal lassen sie Konfetti auf Thomas herabregnen. Einmal tritt er in einen Berg aus Plastikbechern. All das macht Spaß und gibt einen Sinn, irgendwie.

Thomas hatte immer ein Vokabelheft in der Jackentasche, sein Tagebuch, das er befüllte mit Skizzen, Gedanken, Gedichten. Ganze Kartons sind voll mit diesen Heften. Manche ihrer Ausstellungen wurden kurz vor der Eröffnung verboten, dann hielten sie ihre Reden eben vor weißen Wänden und beschrieben, was an ihnen hatte hängen sollen.

Der Fotograf hieß Claus, die Siebdruckerin Sabine. In Sabine verliebte Thomas sich. Sie war sensibel und ruhig, er laut und voller Energie. Sie zogen zusammen in einen zweiten Hinterhof in Friedrichshain, eine Wohnung für die Familie, zwei Töchter bekamen sie. Eine weitere Wohnung hatte er zum Schreiben, man konnte seine Schläge auf die Schreibmaschine durch den Hof hallen hören. Eine dritte Wohnung nutzte Sabine zum Malen.

Die Wende kam, die Hoffnung und Freiheit

Beide hatten jede Menge Zeit für ihre Mädchen. Struktur gab es nicht. Nichts war fest geregelt. Alles konnte an jedem Tag anders sein. In den Kindergarten schickten sie ihre Töchter erst gar nicht.

Die Wende kam, Demonstrationen, Hoffnung und Freiheit. Thomas machte sich selbstständig, erst mit einer Galerie in der Auguststraße, dann als Ausstellungskurator. Er brachte Künstler aus dem Osten zusammen, verlegte ihre Kunstbücher, ließ sie in kleinen Auflagen drucken, brachte sie in Bibliothekssammlungen und Ausstellungen in der ganzen Welt unter, im Getty-Museum in Los Angeles zum Beispiel.

Er war viel weg, reiste um den Globus und liebte es. Es hätte gar keinen Sinn gehabt, seine Abwesenheit zu kritisieren, sollte man ihn denn am Stuhl festbinden? Sabine kümmerte sich um den Alltag. Thomas um das Besondere. Von jeder Reise brachte er seinen Mädchen kleine Geschenke mit, schickte Postkarten, selbst gebastelte Briefe, und wenn er dann zu Hause war, war er es gerne.

Doch irgendwann kam er nicht mehr hinterher. Mit dem Computer konnte er nichts anfangen, mit Handys und Smartphones auch nicht. Die Welt war versorgt mit dem Erbe der DDR-Untergrundkunst. Dann die Finanzkrise, kein Geld mehr da für alte Bilder, und Thomas war aus dem Kunstgeschäft raus. Er mühte sich weiter, aber irgendetwas stimmte nicht mehr mit ihm. Früher hatte er sich von Rückschlägen nicht beeindrucken lassen, hatte einfach was anderes gemacht. Jetzt zog er sich zurück. Trennte sich von Sabine, war nicht mehr ansprechbar, nicht für seine Freunde, nicht für seine Töchter. Er trank, und im Sommer 2018 starb er.

Auf seiner Beerdigungskarte stand dieses Gedicht von ihm:
Verzweifle nicht
Alles geht weiter
Und verbirgt seinen Sinn.
Wenn ich nicht gehe
Weiß ich nicht wohin.

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