Schule und Digitalisierung. Ziele gibt es einige, doch die tatsächliche Ausstattung lässt in märkischen Schulen bisweilen noch zu wünschen übrig. Foto: Ottmar Winter PNN
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Digitalisierung in Brandenburgs Schulen Das virtuelle Klassenzimmer

Schulübergreifende Onlinekurse und  E-Mail-Adressen für Schüler – Bildung soll auch nach Corona in Brandenburg digitaler bleiben. Allerdings herrschen höchst unterschiedliche Voraussetzungen. 

Potsdam - Die Pandemie hat es aufgezeigt: Bei der Digitalisierung an Schulen war Brandenburg bislang nicht mit Highspeed unterwegs. Am Montag, pünktlich zum Start des Wechselunterrichts an den Grundschulen, hat Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) nun ein 55-seitiges Papier als „Diskussionsgrundlage“ für das weitere Vorgehen vorgelegt – in dem aber zum Teil mit alten Zahlen hantiert wird. Ausstattung und schnelles Internet – also wie es aktuell, im zweiten Lockdown, mit der technischen Basis bestellt ist, gibt das Papier nicht her.

Zahlen stammen aus dem März 2020

„Alle Brandenburger Schulen sind an das Internet angebunden“, heißt es immerhin in dem Diskussionspapier. Allerdings bewertet nur etwa ein Fünftel der Schulen die Internetverbindung als „gut“ beziehungsweise „sehr gut“ (19,6 Prozent). Die Erhebung stammt vom März 2020 als die Coronakrise gerade begann. Neuere Zahlen und damit auch landesweite Erkenntnisse, ob sich seither etwas verbessert hat, liegen nicht vor. Vor einem Jahr verfügten 31 Prozent der Schulen über einen Zugang mit einer Geschwindigkeit von über sechs bis 16 MBit/s. 7,2 Prozent der Schulen mussten allerdings mit höchstens sechs MBit/s auskommen. 13,3 Prozent verfügten über einen Anschluss über mehr als 100 Mbit/s. Mehr als die Hälfte der Schulen (58 Prozent) hat W-LAN-Netze eingerichtet (rund 58 Prozent), fast 65 Prozent der Unterrichtsräume waren an das LAN und 32 Prozent an das schulische W-LAN angebunden. Die bisher einmal jährlich erfolgte Abfrage der Daten – dazu zählt auch die Ausstattung mit Computern, Laptops oder digitalen Whiteboards – soll künftig regelmäßiger stattfinden, kündigte Ernst an, die ihren Vorsitz der Kultusministerkonferenz unter das Motto „Lernen und Lehren – guter Unterricht in Zeiten der digitalen Transformationen“ gestellt hat. Das Land will dazu ein elektronisches Kataster zur Schul- und Hortausstattung aufsetzen – bis zum Jahr 2022.

Inzwischen lägen für alle öffentlichen Schulen die Anträge für die Ausstattung aus dem Digitalpakt des Bundes vor, so Ernst. Damit seien die zur Verfügung stehenden rund 168 Millionen Euro ausgeschöpft. Zusätzlich hat das Land noch Mittel aus dem Corona-Rettungsschirm für bis zu 25 000 Schüler-Laptops bereitgestellt. Die Lieferung könne angesichts der großen Nachfrage aber dauern, räumte Ernst ein.

Schulcloud wird von Zweidrittel der Schulen genutzt

Nachdem Brandenburg Jahre gebraucht hat, um alle Lehrer mit zentralen E-Mail-Adressen auszustatten, sind nun auch die Schüler an der Reihe: im kommenden Schuljahr sollen auch sie mit einheitlichen Adressen mailen können. Eine sichere Mailadresse wird zum Beispiel auch für die Anmeldung bei der vom Potsdamer Hasso-Plattner-Institut entwickelten Schulcloud benötigt. Diese wird als wichtigstes Instrument im Homeschooling mittlerweile von rund Zweidrittel der gut 900 Brandenburger Schulen benutzt und soll laut Ernst gemeinsam mit den Ländern Niedersachsen und Thüringen weiter entwickelt werden.

Die HPI-Schulcloud wird von Zweidrittel der Einrichtungen im Land genutzt. Foto: promo/Dirk Lässig Vergrößern
Die HPI-Schulcloud wird von Zweidrittel der Einrichtungen im Land genutzt. © promo/Dirk Lässig

Doch nicht nur mit Ausstattungsfragen und Technik will sich das Land befassen, sondern auch mit der Frage, wie digitaler Unterricht in Nach-Pandemie-Zeiten eingesetzt werden kann. Eine Kommission „Digitalisierung an Schulen“, bestehend aus Schüler-, Eltern- und Lehrerverbänden, der Digitalagentur des Landes und möglicherweise Wissenschaftlern soll dabei beraten. Digitales Lernen könne sowohl für sehr leistungsstarke als auch für Schüler mit Förderbedarf in bestimmten Bereichen eine Bereicherung sein, indem sie speziell auf sie zugeschnittene Zusatzaufgaben per Computer erhalten. „Bei der individuellen Förderung gibt es gute Einsatzmöglichkeiten“, so Ernst.

Schulübergreifende Angebote auf digitalem Weg

Weiteres Beispiel: Blended Learning, als eine schulübergreifende Kombination aus Präsenz- und überwiegend Digitalveranstaltungen, könnte für Fächer mit geringer Teilnehmerzahl sinnvoll sein, so Ernst. So meldeten sich derzeit an einigen Schulen nicht genügend Interessenten für einen Französisch-Leistungskurs. Mit Hilfe digitaler Angebote im Schulverbund könnten die Schüler dann dennoch ihr Wunschfach belegen. Auch an Oberstufenzentren könne das genutzt werden, wenn sich zu wenige Auszubildende für einen Beruf finden. Außerdem will Brandenburg in einem Modellversuch digitale schriftliche Prüfungen testen und die mehr als 20 000 Lehrkräfte zielgruppengenau – also mit unterschiedlichen Modulen etwa für Schulleiter, Spezialisten sowie Digital-Neulingen – fortbilden.

Schon seit 2019 gibt es eine Digitalisierungsstrategie

Dass nun weiter über digitale Bildung diskutiert wird, liegt nicht allein an der Pandemie, sie verleiht dem Thema nur einen Dringlichkeitsschub. Die Landesregierung hatte bereits 2019 eine Digitalisierungsstrategie mit sieben Handlungsfeldern veröffentlicht, darunter „Lernen und Digitalkompetenz für Brandenburgs Zukunft“. „Über sämtliche Handlungsfelder hinweg werden wir mit Nachdruck die großen Chancen der Digitalisierung nutzen“, heißt es in der Präambel des rot-schwarz-grünen Koalitionsvertrag.

Während die Politik diskutiert, leben Lehrer und Schüler seit Monaten den digitalen Unterricht. Die Jugendlichen kommen damit unterschiedlich gut zurecht, wie die vergangene Woche vom Bildungsministerium veröffentliche Corona-Jugendstudie der Uni Potsdam aufzeigt. Mehr als die Hälfte der Brandenburger Schüler zwischen zwölf und 18 Jahren gaben in der Umfrage vom Herbst an, dass ihnen der Distanzunterricht gefalle. Knapp die Hälfte „hätte gern auch zukünftig Distanzunterricht“. Rund 60 Prozent der Befragten stimmten aber auch der Aussage zu, dass ihnen „aufgrund des Distanzunterrichts Lernstoff fehlt“.

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