Der schwedische Konzern Vattenfall trägt die Hauptverantwortung für die hohe Sulfat-Belastung. Foto: P. Pleul/dpa
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Braunkohle-Bergbau in der Lausitz Steigende Sulfatlast aus den Tagebauen

Alexander Fröhlich

Laut einer Studie stieg die Sulfat-Belastung der Spree um mehr als ein Drittel. Vor allem sind die Wasserwerke in Briesen und Berlin-Friedrichshagen bedroht. Doch die Landesregierung sieht kaum Handlungsbedarf.

Potsdam/Berlin - Die Sulfatbelastung der Spree als Folge des aktiven Braunkohlebergbaus in der Lausitz hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Das geht aus einem gerade veröffentlichen Gutachten des Dresdner Instituts für Wasser und Boden im Auftrag der Berliner Senatsverwaltung für Umwelt hervor. Demnach stieg die von aktiven Tagebauen des Energiekonzerns Vattenfall verursachte Sulfatlast in der Spree von 2010 bis 2014 um mehr als ein Drittel, konkret von 99 000 Tonnen jährlich auf 136 000 Tonnen pro Jahr. Die Menge des aus den sogenannten Bergbaufolgeseen in die Spree gespülten Sulfats verdoppelte sich von 2010 bis 2014 von 21 000 Tonnen pro Jahr auf mittlerweile 44 000 Tonnen.

Besonders bedroht von der Sulfatlast ist das Wasserwerk Briesen, das Trinkwasser unter anderem für Frankfurt (Oder) gewinnt aus Uferfiltrat gewinnt. Der Grenzwert für Sulfat, der bei 250 Milligramm pro Liter liegt, wurde 2014 an zwei Fünfteln der Tage überschritten, 2015 sogar an drei Fünfteln der Tage. Bedroht ist auch das Wasserwerk Friedrichshagen in Berlin. Die Studie bestätigte ein Gutachten der bundeseigenen Lausitzer- und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) vom Juli, wonach der schwedische Staatskonzern Vattenfall mit seinen aktiven Tagebauen die Hauptverantwortung für die hohe Sulfatbelastung in der Spree trägt.

Kohlefreundliche Politik der Brandenburger Landesregierung

Politische Folgen wird das Gutachten zunächst nicht haben. Es hat jedoch insofern Brisanz, als dass Brandenburgs Landesregierung bislang immer davon ausgegangen ist, dass der Höhepunkt der Sulfatbelastung in den nächsten Jahren erreicht ist. Daraus schließt die Landesregierung, dass kaum Handlungsbedarf besteht. Zudem passt dies in die Linie der kohlefreundlichen Politik. Das aktuelle Gutachten im Auftrag des Berliner Senats widerlegt nun die Aussagen der Landesregierung, dass die Sulfatbelastung mittelfristig abnehmen werde.

Das Gutachten dient als Grundlage für weitere Prognosen, erstmals hatte es auch Faktoren wie den Klimawandel und Niederschlagsmengen berücksichtigt. Sollten die Prognosen den nun festgestellten Trend bestätigen – womit die Experten rechnen –, dürfte das die Debatte um die Kostenbeteiligung der Verursacher befeuern. Und dabei geht es um viel: Sulfat aus dem Wasser zu filtern ist technisch zwar möglich, aber extrem aufwendig und teuer. Problematisch ist zu viel Sulfat zudem im Trinkwasser, weil es zu Erbrechen und Durchfall führen kann und die Korrosion von Leitungen und Beton befördert. Allerdings stellt sich die abführende Wirkung von Sulfat bei gesunden Menschen erst ab einem Wert von 500 Milligramm pro Liter ein.

Sulfat-Grenzwerte im Trinkwasser könnten überschritten werden

Für das Wasserwerk in Briesen ist das Verhalten der Landesregierung schizophren. Die Frankfurter Wasser- und Abwassergesellschaft (FWA) hält Sofortmaßnahmen zur Sicherstellung der Trinkwasserversorgung für notwendig, weil sich der Sulfatwert in der Spree jüngst so sehr erhöht habe, dass die Einhaltung des Grenzwertes für Sulfat im Trinkwasser von 250 Milligramm pro Liter möglicherweise bereits zum Ende dieses Jahres nicht mehr gesichert werden kann. Im ersten Halbjahr war der Sulfatgehalt des Spreewassers am Wasserwerk laut der FWA von 250 Milligramm 2012 auf nun 316 Milligramm gestiegen. Im Juli wurde mit 345 Milligramm sogar ein neuer Höchstwert gemessen.

Die Landesregierung, konkret das Umweltressort von Minister Jörg Vogelsänger (SPD), unterstützt die FWA nun bei den Notmaßnahmen. Auch Vattenfall will sich beteiligen, nur der bundeseigene Bergbausanierer LMBV verweigert sich. Für rund 6,2 Millionen Euro soll Grundwasservorkommen im rund 20 Kilometer entfernten Müllrose angezapft werden, um das aus der Spree mit Sulfat belastete Wasser zu verdünnen. Umbauten sind nötig, eine Fernleitung ebenso.

Grüne sehen sich in ihrer Kritik bestätigt

Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) dagegen sieht kein Problem und verweist auf Ausnahmeregelungen. Grundlegende Vorgaben für die Tagebaubetreiber direkt an den Einleitstellen lehnt er ab. Denn nach den Vollzugsleitlinien für die Trinkwasserverordnung kann der Grenzwert von 250 Milligramm Sulfat pro Liter für längere Zeit per Sondergenehmigung der Länder angehoben werden. Nach Angaben der Bundesregierung sind Überschreitungen des Grenzwertes bis zu einer Höhe von 500 Milligramm pro Liter für „einen Zeitraum von maximal zehn Jahren zulässig und gesundheitlich akzeptabel“.

Die Grünen sehen sich durch das neue Gutachten in ihrer Kritik bestätigt. Die Brandenburger Bundestagsabgeordnete Annalena Baerbock (Grüne) fordert: „Der Anstieg der Sulfatkonzentration wird sich über Jahre fortführen, daher braucht es endlich klare Regeln bei den Braunkohlefolgen. Die Verursacher der Umweltschäden müssen sich verbindlich an ihrer Bewältigung beteiligen.“ Man dürfe nicht warten, bis die Grenzwerte überschritten sind. Die energiepolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion, Heide Schinowsky, wirft der Landesregierung vor, sich im Kompetenzwirrwarr zwischen Wirtschafts- und Umweltministerium zu verheddern. Nötig seien verbindliche und gesundheitsverträgliche Grenzwerte für die Einleitung des beim Braunkohletagebau anfallenden Grubenwassers. „Die Menschen in Brandenburg haben ein Anrecht auf politische Klarheit und gesundes Trinkwasser.“

Berliner sollten nicht die Zeche zahlen

Und die umweltpolitische Sprecherin der Berliner Grünen im Abgeordnetenhaus, Silke Gebel, forderte von Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller (SPD), Druck in Potsdam für verbindliche Maßnahmen zur Senkung der Sulfatfrachten direkt an den Tagebauen zu machen. Müller dürfe nicht zulassen, dass die Berliner bei ihrer Trinkwasserversorgung die Zeche für den Braunkohleabbau in Brandenburg zahlen.

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